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Globus und Geschichte – keine Vision!
Geschrieben von: Matthias Glage   

In der Festschrift zum 125jährigen Jubiläum 2006 schrieb Ulrike Eickmeyer einen Artikel mit dem Titel „Globus und Geschichte – eine Vision!“ Ich möchte hieran anknüpfen und die Behauptung aufstellen, dieses an unserer Schule neu geschaffene Fach sei inzwischen keine Vision mehr, sondern sinnvoll praktizierte Realität.

Gab es anfangs noch Koordinationsprobleme der zusammen oder parallel unterrichtenden unterschiedlichen Geschichts- und Geographielehrer, so wird das Fach inzwischen in jeder Klasse von einem Lehrer betreut, der zeitliche, räumliche und politische Aspekte berücksichtigt.

Seit Kants Erkenntnistheorie und erst recht seit Einsteins Relativitätstheorie lassen sich Raum und Zeit als Wahrnehmungs- und Ordnungskriterien nicht mehr trennen. In unserer globalisierten Welt rücken sie zu Nanosekunden oder zum „globalisierten Dorf“ zusammen, so dass auch der (wirtschafts-)politische Aspekt nicht vernachlässigt werden sollte.

In dieser Überfülle an neuen Eindrücken der Informationsgesellschaft kommen dem Fach GuG wichtige Funktionen zu. So gilt es z. B. Orientierungsdaten zu schaffen, um sich in den genannten Dimensionen zu Recht zu finden. Auf Globus und Karte, auch bei „Google Earth“ oder GPS sind es Koordinaten, in der Globalgeschichte sind es Daten oder Abschnitte, die sich z. B. in Zeitleisten darstellen lassen (Beispiel auch „Peters Synchronoptische Weltgeschichte“).

Wichtig ist es hierbei, vom eurozentrischen Weltbild hin zum polyzentrischen Blick der verschiedenen Kulturen zu gelangen, was durch Referate/Gruppenarbeiten über verschiedene Kulturen (z. B. China, Islam, Inka, aber auch Schwarzafrika) gelingen kann. So kann das Fach einen sinnvollen Beitrag zu Verständnis und Solidarität, zum Dialog statt zum „Kampf der Kulturen“ (Huntington) leisten.

Sehr aufschlussreich sind hierbei die Forschungen des Anthropologen Jared Diamond, der in seinen Bestsellern „Kollaps“ und besonders „Arm und Reich“ erstaunliche und einleuchtende Erklärungen für die unterschiedliche Entwicklung bzw. den Untergang verschiedener Kulturen fand. Hier zeigen sich die kolossalen Zusammenhänge zwischen Geographie und Geschichte: Die frühen Hochkulturen entwickelten sich schnell auf der eurasiatischen Ost-West-Achse einer einheitlichen Klima- und Vegetationszone mit zahlreichen Pflanzen- und Tierzüchtungen, die für das Überleben oder den Transport bedeutungsvoll waren. Amerika und Afrika mit ihren über fast alle Klimazonen reichenden Nord-Süd-Achsen hatten hier in der kulturellen Entwicklung erheblich schlechtere Chancen. Hinzu kam, dass z. B. die Indianer keine Abwehrkräfte gegen die zahlreichen Seuchen hatten, die von Europäern übertragen wurden (über Haustiere erworben, so dass die Europäer inzwischen immun waren). Außerdem lagen die Indianer und auch in Waffentechnik oder Schriftentwicklung weit zurück.

Andere wichtige Zusammenhänge zwischen Geowissenschaften und Kulturgeschichte zeigen jüngere Forschungsergebnisse, die auch offenbaren, dass die Bibel in vieler Hinsicht doch Recht hat. So lässt sich die Sintflut heute als das durch den Meeresspiegelanstieg nach der Eiszeit durch den Bosporus-Durchbruch vor 6000 Jahren plötzlich erfolgte Anfüllen des Schwarzen Meeres erklären. Die ägyptischen Plagen lassen sich mit dem 1625 a. Chr. n. erfolgten Absprengen des Vulkanes der Insel Santorin in Verbindung bringen. Der hierdurch verursachte gewaltige Tsunami könnte nicht nur den Untergang der kretischen minoischen Kultur, sondern auch den Durchzug des Volkes Israel durch das Meer mit anschließender Vernichtung des ägyptischen Heeres erklären. Zwei weitere Beispiele: Die Angst der Gallier vor dem Einstürzen des Himmels kann auf den Chiemgau-Meteoriten zurückgeführt werden, der später dazu führte, dass die Römer ihr bestes Eisen in der Provinz Noricum herstellten. Die Französische Revolution kam nicht zuletzt aufgrund eines verheerenden Vulkanausbruches auf Island zum Ausbruch. Die Vulkanasche verdunkelte ein Jahr lang den Himmel, das Getreide wurde in Frankreich nicht reif, der Brotpreis wurde für den Dritten Stand unerschwinglich, und Marie Antoinettes Empfehlung, „doch Kuchen zu essen“, ließ sich so auch nicht verwirklichen.

Wie diese Beispiele zeigen, lassen sich in „Globus und Geschichte“ vernetztes, fächerübergreifendes Denken und Lernen ideal verbinden. Wenn es dann noch gelingt, die Begeisterung der Schüler durch forschendes Lernen zu gewinnen und zu erhalten, womit nach Erkenntnissen der Hirn- und Lernforschung günstige Voraussetzungen des Lernerfolgs geschaffen sind, so können diesem Fach auch in Zukunft wichtige Funktionen an unserer Schule zukommen.